titelbild

Buchrezension: Wir sind die Wirtschaft. Achtsam leben – Sinnvoll handeln

Markus zu sich:

„Ich war Leiter einer niedersächsischen Landesbehörde, und machte danach 10 Jahre Erfahrungen in verantwortlichen Positionen in Vertrieb und Marketing und war zuletzt GF meiner Unternehmensberatung mit Schwerpunkten Prozessoptimierung, Personalentwicklung und Vertriebstraining.

Nach 13 Jahren buddhistischer Praxis und einem Jahr Auszeit in einem buddhistischen Retreat wird mein Arbeitsbereich im Bereich „Training für Führungsverantwortliche“ liegen. Hier geht es darum, einen praktischen Weg aufzuzeigen, der bei wachsenden Anforderungen und im Dickicht komplexer werdender geschäftlicher und persönlicher Einflüssen hilft, ein erfülltes Leben mit Mut, Vertrauen, Geduld und Entscheidungskraft auf der Grundlage zeitloser, zukunftsfähiger und inhärenter Werte nicht nur persönlich, sondern auch zum Wohle eines immer größer werdenden Umfeldes (neudeutsch: Nachhaltigkeit) zu entwickeln.

Basis hierfür ist meine persönliche Führungserfahrung sowie meine Ausbildung zum Psychotherapeuten in Verbindung mit meiner langjährigen buddhistischen Praxis, in der es immer darum geht, schrittweise und mit niedrig-schwelligen Methoden inhärent vorhandene, gesunde und heilsame Potenziale frei zu legen, deren Potenziale zu erkennen und weiter zu stärken. Dieser Entwicklungsprozess kommt ohne Leistungs- und Veränderungsdruck aus, er baut ihn eher ab zugunsten einer immer entspannteren und individuell erfolgreichen Lebensführung. Privat genauso wie beruflich.

Nun zum Buch:

„Wir sind die Wirtschaft. Achtsam leben – Sinnvoll handeln“

Ein toller Titel und ein Versprechen mehr herauszufinden über das, was mich als Mensch, Gesellschaft (Wir) ausmacht und was die Wirtschaft ausmacht, und was beides zu einem „Wir“ vereint.

Als praktizierender Buddhist, Sozialwissenschaftler, ehemaliger Leiter unterschiedlicher Einrichtungen und Unternehmensberater hat der Titel natürlich mein großes Interesse geweckt – und natürlich habe ich das Buch gerne und neugierig in die Hand genommen. In der Hoffnung, Antworten auf die oben genannte Frage zu erhalten: wie werde ich ein „wir“ und dann auch noch „Wirtschaft“.

Nach 50 Seiten habe ich das Buch dann aber erst einmal zur Seite gelegt, irgendwie erschöpft, auch wenig Impulse erhalten, noch mehr zu erfahren. Dann habe ich mich gefragt, was genau will der Autor bei mir erzeugen? Weitergelesen – und nach weiteren 30 Seiten habe ich dann nur noch zwecks dieser Rezension weitere Seiten im Rest des Buches gelesen und weiß bis jetzt noch nicht, was der Autor wirklich will.

Romhardt hat zugegebenermaßen wichtige buddhistische Prinzipien logisch vorgestellt, diese dann jeweils auch richtig begründet und zusätzlich – appellhaft und erfahrungsorientiert – unterstützt. Zusätzlich tauchen immer wieder persönliche – nicht wirklich ergreifende, mehr beleghafte – Erfahrungen auf, die seinen persönlichen Zugang zu den Thesen verdeutlichen sollen, welche dann auch seine theoretische Herangehensweise unterstützen sollen.

Leider kommt er in diesem Buch nicht über eine großartige Vision einer Wirtschaft, die dem Wohl aller dient und einer Darstellung, wie man Teil dieser Wirtschaft werden könnte, hinaus.

Das Geschriebene bleibt trotz aller Erläuterungen, Belege aus persönlichen Erfahrungen und logischen Rückschlüssen ein rein theoretisches Konstrukt, das man gut oder schlecht finden kann – in mir entsteht keinerlei motivierende Motivation oder etwas tiefer gehender Ergriffenheit, welche allein mich bewegen könnten, mich tiefer mit dem Thema Achtsamkeit in wirtschaftlichem Kontext oder Nachhaltigkeit durch buddhistische Praxis auseinanderzusetzen. Schnell lege ich das Buch zur Seite und nehme mir ein anderes Buch, welches eine höhere Eindeutigkeit vermitteln kann.

Wie von vielen anderen westlichen Autoren vor- oder nachgemacht fehlt es an der tiefgründigen Einfachheit, die mir andere Autoren mit buddhistischer Grundlage vermitteln konnten, und die mir so auch ein tief gehendes Innehalten und Aha-Erleben vermittelten, welches welches mich dann auch bewegt hat, den buddhistischen oder Dharma-Weg einzuschlagen.

Und vom Innehalten zum Achtsam-Sein ist es dann noch ein Stück des Weges. Auffällig ist, dass der Autor es selbst nicht schafft, Achtsamkeit zu entwickeln für das, was ein Leser braucht, um Innezuhalten, auf eine tieferen Ebene reflektierend die Chance zu verstehen, die in Achtsamkeit liegt. Um dann auch neue Wege beschreiten mag, um sie zu nutzen. Und da heißt es wie immer: weniger ist mehr. Ja genau: Achtsamkeit in der Wirtschaft: was ist denn der Fokus der Achtsamkeit, worauf kommt es denn an? Was genau steht im Blickpunkt der Aufmerksamkeit? Das sind keine äußeren Konstruktionen und Konzepte, wie der Autor glauben machen will, das ist bei jedem Menschen aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur anders, daher ist ja auch der Weg das Ziel.

Ich vermisse sehr grundsätzlich, dass dies genau vermittelt wird. Und wenn ich das verinnerlicht habe, ist es völlig egal, an welchem Punkt meine Motivation entsteht, wenn dies mit der richtigen Einstellung, dem auch nur annähernd, aber tatsächlich vorhandenen Verständnis des „Seins“ geschieht, dann ist der achtsame Weg von allein der Weg in die Erfahrung, dass wir die Wirtschaft sind – denn nichts entsteht getrennt voneinander.

Dieser Weg, diese Erfahrung ist jedoch nicht immer nur toll, immer nur so wunderbar visionär, fleckenrein, wie vom Autor beschrieben, manchmal auch schrecklich, öde und traurig. Genau das aber auch zuzulassen, sich dadurch nicht vom Weg abbringen zu lassen, Vertrauen, Geduld und Liebe auch in schwierigsten Momenten zu leben, das u.a. bedeutet Achtsamkeit.

Und dieser Punkt wird völlig ausgelassen, das macht das Buch glatt, zu reibungslos und damit auch austauschbar.

Der Autor hat sich mit seiner Vision in einen zugegebenermaßen sehr attraktiven buddhistischen Rausch geschrieben, der mich erst gelangweilt und dann ernüchtert hat: Buddhistisches Gedankengut für eine gute Idee funktionalisiert, hieraus eine schön klingende Utopie zu entwickeln, wird dem tiefen Sinn buddhistischer Praxis nicht gerecht.

Nicht alles, bei dem ein ehrenwertes Vorwort geschrieben wurde, nicht alles was gut gemeint auf buddhistischen Prinzipien fusst, nicht alles was visionär attraktiv ist, hilft wirklich weiter. Achtsamkeit heißt auch Demut zu haben, vor den begrenzten Möglichkeiten aktiver Menschen (in der Wirtschaft), die ganz andere Sorgen haben als sich in einen solchen Rausch zu lesen und ihn dann mangels realer Möglichkeiten eher frustriert zu vergessen.

Buddhistisches Gedankengut ist allein kein Heilmittel. Vorgehensweisen, die auf der Grundlage buddhistischer Prinzipien beruhen und diese tatsächlich und glaubhaft beschreiben und echte Wege (die nur in ihrer Dialektik dem Buddhismus gerecht werden), eher schon. Das hat der Autor leider außer Acht gelassen. Schade. So wird das Buch eher zu einer Werbeveranstaltung, den Autor aufgrund der ganzen Auslassungen im Buch nach „mehr“ zu fragen und Kurse bei ihm zu buchen. Oder zu sagen: das ist alles Quatsch.

Mögen mir Berater und Lehrer erspart bleiben, die mich auf einen Trip mitnehmen, auch wenn er einen tollen Namen wie „Achtsamkeitstraining“ hat und in dem theoretisch alles richtig ist. Leben ist immer anders als wir gerade denken.“

Und auf die Nachfrage, welche Bücher Markus denn empfiehlt, nannte er diese beiden Bücher:

Yongey Mingyur Rinpoche: Buddha und die Wissenschaft vom Glück

Bhante Henepola Gunaratana: Die Praxis der Achtsamkeit

„Beide führen in eine Achtsamkeitspraxis hinein, das erste ist „federleicht“ und mit einer echten Tiefe, das zweite ist sehr dicht, komprimiert im ganzen hm…. „ernsthafter“, ohne dass das erste nicht ernsthaft wäre. Also je nach Typus empfehlenswert.

Das erste ist aus dem „nördlichen“ Buddhismus, das zweite aus dem „südlichen“ Buddhismus, daher findet man zu gleichen Sachverhalten leicht verschiedene Begrifflichkeiten. Das tut am Ende nichts zur Sache, nur nicht wundern.

Markus Kosock: markus.kosock@me.com

Leave a Reply