Im Gespräch zum Internationalen Musikprojekt Grasberg

Wie entstand die Idee zu diesem Musikprojekt?

Im Herbst letzten Jahres arbeiteten Pago Balke und ich in einer Workshopserie zum Thema Umgang mit Konflikten. In einem Pausengespräch berichtete Pago, dass er mit geflüchteten Jugendlichen in Bremen eine Band gegründet habe und seither an einem Musikprogramm arbeite – das hörte sich sofort sehr spannend an.

Ich erzählte Pago von den geflüchteten Familien aus unserer Gemeinde und welche guten Erfahrungen wir damit gemacht haben, über Musik miteinander in Kontakt und ins Gespräch zu kommen. Und als ich dann Pago fragte, ob er mit seinen Zollhausboys auch nach Grasberg kommen würde, war die Grundidee zum Projekt geboren.

 

Wie ging es dann weiter?

Zunächst galt es, innerhalb unseres Bürgerbündnisses Familienfreundliches Grasberg zu klären, wie wir das Internationale Musikprojekt mit unserer Integrationsarbeit seit 2015 verbinden wollen. Schnell wurde deutlich, dass wir mit diesem Projekt die intensive Phase der Flüchtlingsbegleitung gut abrunden könnten.

 

Kurz zur Historie:

Während 2015 die Erstversorgung der vielen geflüchteten Familien und der Aufbau unseres Vereins im Vordergrund standen, ebenso wie die Koordination der vielen Hilfsangebote von ehrenamtlicher Seite, kamen in 2016 noch weitere Aufgaben auf uns zu, die uns kräftemäßig sehr forderten. In vielerlei Hinsicht waren auch die behördlichen Stellen überlastet, sodass es dem starken ehrenamtlichen Engagement vieler Menschen (auch von behördlicherseite) zu verdanken ist, dass die sogenannte „Integrationsarbeit“ so gut lief.

 

Seit Ende 2016 haben wir viele geflüchtete Menschen wieder verabschiedet, teils durch die sogenannte „freiwillige Ausreise“, teils dadurch, dass anerkannte Flüchtlinge zu ihren Familienangehörigen in größere Städte zogen.

Über diesen Zeitraum war es immer wieder wichtig sich zu vergegenwärtigen, in welcher Rolle wir als Ehrenamtliche unterwegs sind und worin auch die Grenzen unseres Tuns bestehen. Eine Herausforderung bestand darin, sein eigenes Rollenverständnis stets den aktuellen Begebenheiten anzupassen und auch liebgewordene Rollen wieder loslassen zu können. Das fällt im beruflichen, wie auch im privaten oder ehrenamtlichen Kontext oft nicht leicht und bedarf einer ständigen Auseinandersetzung und Bereitschaft zur Selbstreflexion.

 

Diese Entwicklung mach(t)en wir in der Begleitung von Flüchtlingen ebenso durch. Während wir in 2015/16 zum Teil sehr nah an den Familien dran waren, unterstützen wir die Geflüchteten mittlerweile zunehmend mehr darin, eigenverantwortlich ihr Leben in Deutschland in die Hand zu nehmen. Dieses heißt auch, mit frustrierenden Erlebnissen klar zu kommen und Abschied zu nehmen von einer emotional sehr intensiven Zeit und auch von Menschen, die uns ans Herz gewachsen sind.

 

Wir möchten dieses Projekt auch durchführen, um diese besonders intensive Phase zu würdigen und sich zu vergegenwärtigen, was wir mit unserem ehrenamtlichen Engagement alles erreicht haben. Wir werden gemeinsam Musik machen, international essen, singen, vielleicht gerührt sein und bestimmt auch lachen. Wir werden keine deutsche Mülltrennung erklären, nicht für Sprachprüfungen pauken oder Amtsdeutsch aus Behördenbriefen entschlüsseln.

 

Stattdessen werden wir kulturelle Vielfalt leben, einander zuhören, uns einander mitteilen und erleben, wie es bei all den kulturellen Unterschieden ist, etwas Gemeinsames entstehen zu lassen.

Das Musikprojekt wird also mit der Aufführung am 4.11.2017 die intensive Begleitung der Geflüchteten symbolisch abrunden und würdigen und eine weitere Gelegenheit bieten, sich auf unbekannten Wegen zu begegnen – eine Art Sozialexperiment, um andere – und auch sich selbst- besser kennen zu lernen.

 

Was stand als nächstes an und wie geht es nun weiter?

Nachdem klar war, was wir mit dem Musikprojekt erreichen möchten, folgte Konkretes wie

  • Fördermittel akquirieren
  • einen Projektplan erstellen
  • Räumlichkeiten organisieren, Zeiten klären
  • Rollen und Verantwortlichkeiten klären
  • Flyer drucken
  • Lieder „sichten“, Noten schreiben
  • eine Oud besorgen (endlich geschafft 😊)
  • Interessierte informieren, Mut machen, viele persönliche Gespräche führen
  • die Zollhausboys in ihrem Musikcamp bei Pago Balke besuchen und (teil-) vegetarisch bekochen
  • Nun werden die vier Probetermine folgen:

20.09.2017 04.10.2017 18.10.2017 01.11.2017 jeweils 19:00 – 21:00 Uhr im Gemeindehaus der Kirchengemeinde Grasberg, Speckmannstraße 40

 

Und dann wird die eigentliche musikalische Arbeit erst richtig losgehen – wir freuen uns schon drauf!

 

Der Auftritt der Zollhausboys in Grasberg wird sich von denen an den anderen Auftrittsorten deutlich unterscheiden – inwiefern?

Die Zollhausboys werden ihre Tournee in Auszügen am 11. August 2017 im Rahmen des FUNUN Festivals (Syrische Kultur in Bremen) im Bremer Rathaus mit ihrem „grenz-wertigen Programm“ zum Besten geben. Die eigentliche Premiere wird am 17.08.2017 im Schauspielhaus des Bremer Theaters stattfinden (Nordwest Tickets Tel.: 0421 – 363636).

Es folgen dann acht weitere Auftritte mit ihrem Programm (www.pagobalke.de und www.zollhausboys.de)

 

In Grasberg wird dann Vieles aus diesem Tourneeprogramm zu erleben sein, ergänzt um unseren Projektbeitrag – und das ist das Besondere 😊

Das Projekthafte besteht darin, dass wir an vier Probeabenden einen Teil des Abendprogramms selber entwickeln werden. Hierzu wird die „Urbevölkerung“ aus Grasberg und um zu gemeinsam mit geflüchteten Menschen musizieren.

Es werden Heimatlieder aus verschiedenen Ländern zu hören sein, wahrscheinlich mit Strophen in verschiedenen Sprachen ebenso wie ein internationales Friedenslied der Frauen, auch verschiedensprachig. Geplant sind auch kurze Textbeiträge und kreativer Spielraum für was auch immer sich noch an den gemeinsamen Probeabenden entwickeln mag.

Diese Projektarbeit wird getragen sein von Interesse für Neues, der Fähigkeit gut zuzuhören und gemeinsam etwas Neues entstehen zu lassen – im Prinzip ein Entstehungsprozess im Kleinen, den wir auch gesamtgesellschaftlich, also im Großen so dringend brauchen!

 

Wie kann das konkret gehen?

Das wird sich noch genau zeigen. 😉 Nicht alle Lieder werden sich zum Umtexten und Mitsingen eignen, da braucht es eine gute Auswahl der Musikstücke. Viele spielen Instrumente nach Gehör, da helfen Noten nicht wirklich. Und wir werden einige Musiklaien dabei haben, die einfach Lust haben, mitzumachen. Auch sind hier auf dem Land für einige die Proben am Abend eine organisatorische Herausforderung. Und viele Menschen, die wir bereits angesprochen haben, sind nicht gerade erpicht darauf, im Rampenlicht zu stehen.

 

Das hört sich zunächst nach vielen Unwägbarkeiten an, die sich allerdings durch die Unterstützung Vieler schnell relativieren. So haben sich spontan Fahrgemeinschaften gebildet, eine Musiklehrerin der Bläserklasse hat sich bereit erklärt, Noten zu schreiben, Instrumente wurden gespendet oder verliehen und vieles mehr.

 

Und wir haben schon häufiger erlebt, wie sehr Musik eine global verbindende Sprache ist, die die Herzen vieler zu erreichen vermag. Wir sind also frohen Mutes, auch weil das, was wir in den letzten beiden Jahren mit ehrenamtlicher Hilfe und auch mit der Unterstützung der Geflüchteten selbst auf die Beine gestellt haben, die jetzigen Aufgaben um ein Vielfaches übertrifft.

 

Das musikalische Grundgerüst stellen die Zollhausboys. Im Juli konnte ich an einer Probe teilnehmen und ich war wirklich beeindruckt, wie abwechslungsreich das Programm gestaltet ist. Neben Gesangsstücken, gibt es auch instrumentelle Stücke, kabarettistische Einlagen, Ausdruckstanz, Sketche, mal besinnlich und berührend, mal zum Schmunzeln durch den Blick in den Spiegel, wenn es z.B. um so manche typisch deutsche Tugend geht, die durch die Brille anderer Nationen natürlich etwas eigentümlich anmutet 😉

 

Welche Rolle spielt kv&p bei dem Ganzen?

Auch meine und unsere Rolle hat sich im Laufe der Jahre geändert und der jeweiligen Situation angepasst.

Ende 2014 begann ich, zwei Flüchtlingsfamilien aus einem Nachbardorf zu begleiten. Ich fragte damals unsere Diakonin, ob schon jemand in unserer Gemeinde für die Flüchtlinge ansprechbar sei und war sehr dankbar, mit einer ehrenamtlichen Helferin gemeinsam die ersten Schritte als, wie wir es später nannten, Alltagshelferin zu gehen.

Ich weiß noch, mit welcher Aufregung ich das erste Mal in die Unterkunft der Familien aus dem Balkan und dem Irak ging, nicht ahnend, was auf mich zukommen wird.

Die Begleitung von Familien erstreckte sich dann über gut zwei Jahre und umfasste alles, was so anfiel – die Liste wäre lang. Dieses wäre ohne die Unterstützung durch Renate Schrader im Back Office und unsere beiden Praktikant*innen Julia Schröder und Diedrich Lehn nicht möglich gewesen. Deren persönliche Einsatzbereitschaft und Engagement war enorm!

Während dieser Zeit habe ich viel gelernt, wie politischer Wille, Staat und Behörden funktionieren – oder eben auch nicht. Ebenfalls erhielt ich einen unmittelbaren Einblick in die Lebenssituation unterschiedlicher Nationen und lernte die Menschen hinter den Geschichten kennen, die man sonst nur aus Reportagen oder Schlagzeilen kennt.

 

Wir haben viel Zeit mit Flüchtlingsfamilien verbracht und schon bald war der Balanceakt notwendig zwischen, sich einerseits einlassen und anderseits auch abgrenzen können. Ebenso war erlebte Hilflosigkeit und das stete Ringen um den bestmöglichen Weg ein ständiger Begleiter.

Damals begann sich die Hilfe vieler Freiwilliger gerade erst zu formieren. Es gab ein großes Engagement in der Bevölkerung bei bisher noch geringem Organisationsgrad und Struktur – hier kamen wir mit unserer Profession als Veränderungsbegleiter ins Spiel.

Als „Neue“ durfte ich Fragen stellen, und Veränderungsbedarfe ansprechen, auch um mir persönlich und dann auch weiteren Beteiligten einen Überblick über die bisherige Struktur der Aktivitäten im bereits bestehenden Bürgerbündnis zu ermöglichen. Das setzte einen Veränderungsprozess in Gang, der es ermöglichte in kurzer Zeit eine sehr effektive Begleitung der geflüchteten Familien anzubieten und die hierzu erforderliche ehrenamtliche Hilfe gut zu koordinieren.

 

Die beiden Gründerinnen und Sprecherinnen dieses „Bürgerbündnisses Familienfreundliches Grasberg“ Evelin Meyer (Gleichstellungsbeauftragte) und Kerstin Tönjes (Diakonin) hatten hier ebenso wie Marion Schorfmann (Bürgermeisterin) wichtige Schlüsselrollen inne.

 

Mit der Unterstützung aller Beteiligter

  • gründeten wir einen Verein und verknüpften ihn an die die bestehenden Aktivitäten des Bürgerbündnisses Familienfreundliches Grasberg
  • investierten wir in einen Diskurs mit den Ehrenamtlichen zu Themen wie Interkulturelle Kompetenz, Umgang mit persönlichen Grenzen, gemeinsame Werte unseres Handelns
  • entwickelten wir ein Organigramm, das wir ständig den aktuellen Veränderungen anpassten und somit ein Instrument hatten, das uns stets eine gute Orientierung bot und auch für die Außendarstellung einsetzbar war
  • entwickelten wir eine Kommunikationsstruktur, die die notwendige Vernetzung der Akteure sicher stellte und achtsam mit den ehrenamtlichen Ressourcen umging
  • achteten stets darauf, dass wir neben der Flüchtlingshilfe besonders die Stärkung unseres Gemeindelebens insgesamt im Fokus hielten. Diese Perspektive erwies sich als sehr wichtig, um Neiddiskussionen entgegenwirken und die neu entstandenen Angebote allen Gemeindemitgliedern zugänglich zu machen!

 

Auch wurden wir in Nachbargemeinden eingeladen, um über unsere gute Organisation in der Begleitung von Flüchtlingen zu berichten. Es sprach sich herum, dass es gut bei uns läuft und so häuften sich die Bitten, anderenorts darüber zu berichten.

 

Für Interessierte, die uns mit einer Spende unterstützen möchten:

Verein Familienfreundliches Grasberg

IBAN: DE88 2916 2394 0716 7580 00

BIC: GENODEF1OHZ

Verwendungszweck: Integrationsprojekt

Volksbank Osterholz-Scharmbeck, Geschäftsstelle Grasberg

Gerne stellen wir eine Spendenbescheinigung aus!

 

 

Ein kleines P.S. zum Thema Weltpolitik

In dieser Zeit schärfte sich auch mein Blick für global-politische Zusammenhänge und es wuchs die Überzeugung wie wichtig es ist, eine Weltgemeinschaft zu fördern, die menschenwürdiges Leben an jedwedem Ort der Welt ermöglicht. Dieses erfordert einen gesellschaftlichen Diskurs, der nicht jedem schmeckt und auch mich zuweilen aus der Comfortzone bringt. Hier nur einige Beispiele:

  1. Deutschland gehört zu den weltweit größten Rüstungsexporteuren. Einerseits exportieren wir schweres Kriegsgerät in fremde Länder, andererseits weigern wir uns, die Folgen (Notwendigkeit zur Flucht) zu tragen. Wir freuen uns über die gute Wirtschaftslage und wenn es darum geht, die ertrinkenden Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu retten, wird dieses ehrenamtlichen Organisationen (zum Teil Jugendlichen!) überlassen. (Spendenkonto Sea-Watch e.V. IBAN: DE77 1002 0500 0002 0222 88)
  2. Die sogenannten Freihandelsabkommen, die Deutschland z.B. Afrikanischen Ländern aufzwingt entziehen den Menschen vielerorts direkt deren Lebensgrundlage, was weitere Fluchtursachen schafft.
  3. Deutschland ist in punkto Niedriglohnsektor Europaweltmeister was die Mittelschicht schmelzen lässt und dadurch soziale Armut befördert – zusätzliche Spannungsfelder auch hier „hausgemacht“.

 

1 Response

  1. Sylvia K.

    Ein tolles Projekt, das nach viel Engagement, Spaß und Gemeinschaft klingt.

    Musik kennt keine Grenzen!!

    Den Zollhausboys und allen Mitwirkenden und dem Publikum wünsche ich einen unbeschwerten und bereichernden Abend. Viel Spaß!!! Ich wäre auch gerne gekommen, bin nun aber leider kurzfristig verhindert 🙁

    SCHADE

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