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Innovationsthema: Jobsharing auf Führungsebene

Im Frühjahr 2016 lernte ich im Mercedes Benz Werk Bremen das Führungsteam Dr. Gisela Kaltenpoth und Julia Böhnke kennen. Die beiden Teamleiterinnen begannen im Januar 2016 ihre Führungsposition mit jeweils einer 30-Stunden-Stelle im Jobsharing. Seit September vertreten sie zusätzlich ihren Abteilungsleiter. Im persönlichen Gespräch berichten sie von ihren Erfahrungen und worauf es ankommt, wenn Jobsharing auf Führungsebene gelingen soll.

kv&p: Wenn ein Unternehmen das Modell des Jobsharings auf Führungsebene umsetzen möchte, worauf gilt es dann zu achten?

Frau Dr. Kaltenpoth: Erst einmal sollte man sich gut verstehen, sich sympathisch sein und eine ähnliche Arbeitsweise haben. Bei uns hat es zum Glück von Anfang an sofort gepasst. Schon beim ersten Treffen war klar, wir sind auf einer Wellenlänge und gehen die relevanten Themen ähnlich an, auch wenn wir einen sehr unterschiedlichen beruflichen Background haben. Und, wir wollen beide viel erreichen und sind recht ehrgeizig (lacht).

Frau Böhnke: Im Vorfeld hörte ich z. B. Befürchtungen wie: „Hast du denn keine Angst, dass die andere sich ausruht, während du die meiste Arbeit machst?“ Probleme dieser Art gab es für uns zu keiner Zeit. Es ist klar, wir wollen beide viel erreichen und unseren Bereich gemeinsam weiterentwickeln …

Frau Dr. Kaltenpoth: … während die eine von uns drei Tage im Unternehmen ist, wird so viel voran getrieben, dass die andere, die dann übernimmt, erst mal wieder aufholen muss, um das Tempo gut aufzunehmen. Nach vier Tagen „relativer Auszeit“ starten wir aber jede Woche wieder frisch und nehmen sehr schnell Fahrt auf. Dabei treiben wir uns im positiven Sinne gegenseitig an.

kv&p: Welche persönlichen Faktoren und kollegialen Vereinbarungen sind beim Jobsharing auf Führungsebene wichtig?

Frau Böhnke: Man muss stets offen miteinander umgehen, und auch persönliches Feedback geben. „Inwieweit bist du zufrieden oder auch nicht? Müssen wir etwas nachjustieren, laufen wir gerade auseinander?“ Letztendlich sehen wir beide uns ja am seltensten. Wir verbringen lediglich einen gemeinsamen Tag in der Woche im Unternehmen, wohingegen wir unsere Kollegen und Mitarbeiter an drei Tagen in der Woche sehen. Wir beide müssen hier natürlich sicherstellen, dass nicht der eine unzufrieden ist, und der andere das gar nicht mitbekommt.

Frau Dr. Kaltenpoth: Und absolute Loyalität ist auch sehr wichtig! Wenn ich mit einer negativen Meinung oder Kritik zum Verhalten meiner Kollegin konfrontiert werden sollte, ist es wichtig, erst mal mit der eigenen Meinung zurückzuhalten und sich zunächst mit der Kollegin zu sprechen, bevor man inhaltlich Stellung bezieht. In solchen Fällen ist es auch vollkommen in Ordnung und akzeptiert, wenn man sagt: „O.k., ich bin zu diesem Thema noch nicht auf dem aktuellen Stand. Ich werde mich hierzu zeitnah bei dir melden.“

Frau Böhnke: Diese Vereinbarung haben wir auch von Anfang an getroffen: Diejenige, die zum entsprechenden Entscheidungszeitpunkt vor Ort ist, trifft die Entscheidung und die andere trägt sie mit. Und bei Entscheidungen, die nicht sofort getroffen werden müssen, kann man sich natürlich zwischenzeitlich abstimmen.

kv&p: Wenn ich Ihnen eine Mail zukommen lasse, erhalte ich die Information, wann wer von Ihnen beiden im Hause und erreichbar ist. Ihre Abwesenheitsnotiz informiert, dass Frau Böhnke montags bis mittwochs und Frau Dr. Kaltenpoth mittwochs bis freitags ansprechbar ist. Wie stellen Sie den Informationsfluss untereinander sicher, gibt es Regeltermine? Sie schmunzeln schon …

Frau Dr. Kaltenpoth: (lacht) Ja, wir haben Regeltermine, so zum Beispiel ein gemeinsames Mittagessen an jedem Mittwoch, und anschließend ein Zeitfenster von eineinhalb Stunden, in dem wir ganz in Ruhe die aktuellen Themen besprechen – soweit die Theorie! Dieser Termin steht seit April im Kalender und wir haben ihn bisher noch kein einziges Mal durchführen können. Was wir allerdings sehr konsequent machen und was auch gut funktioniert, ist, dass wir über OneNote, einer Art digitaler Notizblock, stichpunktartig die wichtigen Themen notieren. So ist sichergestellt, dass jede von uns an ihrem ersten Arbeitstag eine aktuelle Liste mit den Themen vorfindet und darüber informiert ist, was während der eigenen Abwesenheit gelaufen ist.

Frau Böhnke: In OneNote schreiben wir auch, “Hier musst du dieses oder jenes machen, bitte treibe das voran.“ Oder „Hier brauchst du nichts zu machen. Es reicht, wenn ich das Thema nächste Woche weiterführe.“

kv&p: In Teilzeitmodellen verwässert die offizielle Arbeitszeit oft die Freizeit. Wie gehen Sie mit den vier arbeitsfreien Tagen um? Gibt es eine Art „ehernes Gesetz“, dass Sie sich in dieser Zeit auch wirklich in Ruhe lassen?

Frau Böhnke: Wir versuchen schon, uns gegenseitig nicht in der freien Zeit anzurufen. Auch, weil wir wissen, wie die jeweilige Situation der anderen ist. Wir haben beide kleine Kinder zu Hause. Natürlich kann es vorkommen, dass wir uns in Notfällen auch zwischendurch anrufen.

Frau Dr. Kaltenpoth: SMS oder E-Mail-Nachrichten sind hier eine gute Möglichkeit, die kann man schnell mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten. So können wir uns an unseren freien Tagen auch wirklich auf das Private konzentrieren.

kv&p: Wie hat denn das berufliche Umfeld anfänglich auf dieses Modell reagiert?

Frau Böhnke: Das war gerade mit unserer operativen Stelle sehr spannend: Uns war klar, wir kommen in eine reine Männerwelt mit Meistern, die vielleicht auch erst einmal Vorbehalte gegen ein Modell dieser Art haben werden: „Da kommt also eine Frau als Chefin! Ach nee, auch noch zwei Frauen! Wie gehen wir denn damit um?“ (lacht). Auf direktem Wege haben uns keinerlei Befürchtungen erreicht. Später erhielten wir von unseren Meistern das Feedback, dass die anfängliche Meinung war: „Oh Gott, das kann gar nicht funktionieren!“ und später hätten sie realisiert: „Das klappt ja tatsächlich!“  Das zu hören ist natürlich schön!

Frau Dr. Kaltenpoth: Und was uns auch erst vor einiger Zeit so richtig bewusst wurde: Im Prinzip machen wir beide nichts anderes, als unsere Meister im Schichtbetrieb. Auch die Meister übergeben ständig ihre Themen von der A-Schicht an die B-Schicht und in die Nachtschicht. Und jeder erwartet, dass der Nachtschichtmeister die Themen kennt, die in der A Schicht laufen. Im Prinzip ist das bei uns nichts Anderes.

Was allerdings noch schwierig ist: Wir haben gewisse Querschnittsthemen untereinander aufgeteilt, bei denen jeweils eine von uns voll umfänglich verantwortlich ist. Diese Themen erfordern keine kontinuierliche Bearbeitung, was auch mit unseren Führungskräften und unserem Team so vereinbart ist. In der Praxis wird allerdings trotzdem häufig verlangt, dass wir beide gleichermaßen in diesen Themen Experte sind.

Frau Böhnke: Hier müssen wir noch sehen, wie wir mit unseren zur Verfügung stehenden 30 Stunden umgehen. Wir müssen einfach situativ und flexibel reagieren und unsere Querschnittsthemen regelmäßig hinterfragen.

kv&p: „Nehmen wir mal an, Sie wären Beraterinnen und würden eine Organisation dahingehend beraten, Jobsharing für Führungskräfte zu fördern. Was wären hierzu ihre Tipps und Anregungen? Ich erinnere mich zum Beispiel an das Thema Passwörter …

Frau Böhnke: Im Jobsharing-Modell ist klar, dass wir beide dieselben Mitarbeiter gemeinschaftlich führen und hierfür auch IT-Tools nutzen. Unsere Systemwelt könnte man noch so weiterentwickeln, dass wir beide gleichermaßen Zugriff auf alle Tools nehmen können.

Frau Dr. Kaltenpoth: Unternehmen, die flexible Führungsmodelle anbieten wollen, sollten von Anfang an dafür sorgen, dass ihre Systeme zwei absolut gleichberechtigte Teamleiter mit den entsprechenden Tools versorgen können.

Und, um Themen zeitnah weitergeben und abstimmen zu können, sind Tablets, leistungsfähige Smartphones und Tools wie OneNote erforderlich.

Frau Böhnke: Und, es ist wichtig, dass es für den Notfall die Möglichkeit gibt, zu Hause zu bleiben, falls mal ein Kind krank wird. Dann können die Themen im Home Office bearbeitet werden.

Wichtig ist ebenfalls, von der direkten Führungskraft totale Rückendeckung zu bekommen. Wir haben das Glück, dass unser Chef uns komplett freie Hand gibt und sagt: „Organisiert euch so, wie es euch am besten passt.“

Frau Dr. Kaltenpoth: Seit September haben wir auch die stellvertretende Abteilungsleitung inne. Das heißt, wir erleben jetzt auch, inwieweit dieses Modell für die nächsthöhere Führungsebene einsetzbar ist.

Dadurch wird das Thema Jobsharing jetzt auch hautnah an unseren Centerleiter herangetragen, der erlebt, wie wir uns untereinander abstimmen.

kv&p: Haben Sie manchmal den Eindruck, dass Sie neben Ihrer offiziellen beruflichen Rolle auch so eine Art Botschafterrolle übernehmen, indem sie den Weg für dieses innovative Thema ebnen?

Frau Böhnke: Es kommen schon häufig Menschen mit der Frage auf mich zu, wie das funktioniert. Und es sind nicht nur Frauen, die sich für dieses Modell interessieren, sondern vermehrt auch Männer.

Frau Dr. Kaltenpoth: Jobsharing auf Führungsebene wird immer mehr genutzt, auch im Sinne von Diversity und Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Alle wollen, dass dieses Modell gut funktioniert und wir beweisen gerade, dass es auch tatsächlich stimmt. Ebenso werden wir eingeladen, zu diesem Thema intern auf Managementebene zu berichten.

Frau Böhnke: Auf diese Art hat das Ganze auch begonnen – mit einer Marketing Tour! Wir haben uns beide als Duo zusammengetan und sind dann auf Werbetour durch die Managementetagen gegangen und haben uns als ein Teamleiter verkauft. Wir wollten eine Stelle, in der wir zeigen können, dass dieses Modell wirklich funktioniert – und wo kann man das besser beweisen als in einem operativen Bereich! Auch hier haben wir eine großartige Unterstützung von unserem Management erhalten!

Nachdem Sie, Frau Vittinghoff, uns um dieses Interview gebeten haben, haben wir unsere Werkskommunikation gefragt, ob sie nicht auch über uns eine Story schreiben möchte (lacht). Es ist wichtig, dieses Thema und die Erfahrungen weiter publik zu machen, denn viele haben ein Interesse daran, in Teilzeit zu arbeiten, auch wenn dies entsprechend weniger Gehalt bedeutet.

kv&p: Gibt es noch weitere Vorteile, diese Führungsposition in Form von Jobsharing zu besetzen?

Frau Dr. Kaltenpoth: Da fallen mir spontan zwei Punkte ein. Erstens, zwei Personen haben zwei verschiedene Backgrounds. Julia ist stets in der Logistik gewesen, das heißt fachlich sehr stark, wohingegen ich inhaltlich viel gewechselt habe, komme ursprünglich aus der Forschung, war im Ausland, lange Zeit in der Entwicklung, ging ins Qualitätsmanagement und bin jetzt hier. Von daher ergänzen wir uns beide perfekt. Zweitens können wir auch unterschiedliche Perspektiven zu z. B. Führungsthemen einnehmen, was uns und den Mitarbeitern sehr zugute kommt. Wir gucken stets mit vier Augen auf ein Problem, anstatt nur mit zwei.

Frau Böhnke: Da dieses meine erste Führungsposition ist, erlebe ich es als sehr hilfreich, stets einen zweiten Partner mit Führungserfahrung an meiner Seite zu haben. Das hilft besonders bei Führungsfragen, sodass dieses Modell auch sehr empfehlenswert ist für neue und erfahrene Führungskräfte in Kombination.

Für Frauen und Männer, die beides wollen, Karriere und Familie, ist dieses Modell eine gute Möglichkeit, sich nicht entscheiden zu müssen, sondern beides leben zu können.

Und je mehr Menschen an solchen Modellen interessiert sind, desto leichter kann man jemanden finden, mit dem man ein solches Team bilden kann.

kv&p: Zum Abrunden unseres Gesprächs sei die Frage nach dem berühmten „Haar in der Suppe“ gestellt. Gibt es in diesem Modell auch Nachteile für die Organisationen, das Team oder Sie ganz persönlich?

Frau Böhnke: Man muss sich darüber im Klaren sein, dass man in diesem Modell Kompromisse eingehen muss. Man kann nicht alles so machen, wie wenn man alleine entscheiden könnte, man muss sich stets abstimmen.

Frau Dr. Kaltenpoth: Wenn wir diesen beruflichen Weg einschlagen wollen und auch Familie leben möchten, können wir das nur, indem wir Kompromisse eingehen.

Und, man muss wirklich diszipliniert sein! Der andere muss sich auf eine gute Übergabe verlassen können. Ansonsten konnte ich bisher keine ernsthaften Nachteile an diesem Modell feststellen.

Frau Böhnke: Ich auch nicht (lacht)!

kv&p: Was ist Ihnen noch wichtig, zu diesem Thema zu benennen?

Frau Böhnke: Man sollte nicht darauf warten, dass jemand mit einem Jobsharing-Angebot und einem geeigneten Partner auf einen zukommt. Man muss es selbst in die Hand nehmen und klar äußern, was man will.

Frau Dr. Kaltenpoth: Und wichtig ist, noch mal zu benennen, dass dieses kein explizites Thema für Frauen ist. Wir werden häufig auch von männlichen Kollegen hierauf angesprochen, von denen viele sagen, sie würden gerne mit uns tauschen.

Frau Böhnke: Dementsprechend wird es interessant sein zu sehen, wann wir das erste Mal zwei Männer im Jobsharing sehen, oder auch einen Mann und eine Frau.

kv&p: Haben Sie beide ganz herzlichen Dank!

Frau Böhnke und Frau Dr. Kaltenpoth: Wir haben zu danken!

 

Das Interview fand am 21.09.2016 im Mercedes-Benz Werk Bremen der Daimler AG statt.

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