Strategien und Tipps – vom Umgang mit dem Unbekannten

Ein Gespräch der Deutschen Factoring Bank mit Katja Vittinghoff über Leben und Arbeit in Zeiten von COVID-19

Seit geraumer Zeit begleitet Katja Vittinghoff, Inhaberin der kv&p Unternehmensberatung, gemeinsam mit Silke Katterbach unseren Change-Prozess. Viele von Ihnen haben beide bereits in persönlichen Gesprächen kennengelernt.
Als Beraterin hat Katja Vittinghoff seit über zwanzig Jahren kleine und große Unternehmen bei zukunftsgerichteten Veränderungen unterstützt; eine Situation wie die rasante Ausbreitung von COVID-19 ist allerdings auch für sie eine neue Herausforderung. Wir wollten wissen, was ein Profi tut – zur konstruktiven (Selbst-)Organisation im Homeoffice, im Umgang mit den eigenen Ängsten und mit welchen Tricks wir unser positives Denken erhalten.
Ein Gespräch.

Frau Vittinghoff, wie arbeiten Sie selbst aktuell? Was hat sich für Sie verändert?

Wie viele Menschen arbeite ich seit gut einer Woche ausschließlich in meinem Homeoffice. Sämtliche Gesprächs- und Beratungstermine laufen über Tele- oder Videokonferenzen – was bisher eher vereinzelt Anwendung fand, wurde für viele Kunden in Windeseile zur Hauptkommunikationsform. Bemerkenswert ist, wie gut das klappt und wie schnell dieser Wechsel hat stattfinden können.
Unsere Familie hat einige Tage gebraucht, bis wir in einen neuen Modus gefunden haben. Seit Beginn der Schulschließungen – am Freitag den 13. 😉 -machte sich bei uns zunächst eine Stimmung wie bei einem verlängerten Wochenende breit. Dann kam schnell die Notwendigkeit, unsere Abläufe im Familienleben neu zu strukturieren und mit unserem hohen Arbeitsaufkommen zu vereinbaren.
Mit diesen familienbezogenen Themen gehen ebenfalls persönliche Themen einher. Zum Ausgleich für das viele Sitzen im Büro hat sich bisher eine gute Mischung aus Yoga am Morgen (mein Mann und meine Tochter machen wacker mit 😉 ) und Gartenarbeit am Wochenende bewährt.
Was das Management von Projekten ausschließlich vom Büro aus angeht, so kennen wir diese Arbeitsform zwar sehr gut, vermissen es allerdings schon, uns persönlich mit unseren Kunden treffen zu können. Viele Termine wurden verschoben und ausgesetzt, was einige Themen verlangsamt. Das betrifft leider auch den direkten Austausch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu den aktuellen Themen in der DFB. Hier hoffen wir, bald wieder Fahrt aufnehmen zu können.

Viele von uns arbeiten momentan erstmalig mobil – innerhalb kürzester Zeit hat sich unser Arbeitsalltag signifikant verändert, haben Sie Tipps?

Das mit den Tipps ist so eine Sache. So verschieden wir Menschen sind, so unterschiedliches Verhalten kann für mobiles Arbeiten passend sein. Grundsätzlich kann man sagen, es ist wichtig
• auf Ausgleich zu achten. Wenn Sie viel z.B. in Telkos arbeiten, sorgen Sie auch für Pausen und Bewegung, trinken Sie genug Wasser.
• sich von der Idee zu verabschieden nur, weil man zuhause arbeitet, auch Berufliches und Privates gleichzeitig machen zu können, das gelingt den wenigstens und ist auf Dauer anstrengend. Arbeiten Sie lieber in klaren Zeitfenstern. Das kann den Vorteil mit sich bringen, mittags einen Spaziergang in der Sonne machen zu können und dafür abends länger zu arbeiten. Stimmen Sie sich mit Ihrem Team ab. Und bleiben Sie weiterhin im Kontakt mit Ihren Kolleginnen und Kollegen. Der tägliche Austausch am Kaffeeautomaten kann in einer Email oder während eines Anrufs genauso persönlich sein.
• einen guten Blick auf Positives zu behalten. Welche Möglichkeiten ergeben sich dadurch, dass ich mobil arbeite? Was lerne ich über mich selbst? Welche Bedürfnisse nehme ich an mir neu wahr und wie möchte ich damit umgehen? Was motiviert mich und wie motiviere ich mich selbst?
• stützende Rituale zu (er)finden. Wenn unser Tag nicht mehr in gewohnter Form durch die betrieblichen Abläufe und Rhythmen strukturiert wird, wer oder was strukturiert den Tag, wenn ich von zuhause aus arbeite? Setzen Sie sich zeitliche Ankerpunkte für Arbeits-, Essens-, Frei- und Schlafenszeit.
• sich seinen Sinn für Humor zu bewahren. Neulich mailte mir Silke Katterbach diesen Link zum Thema Telefonkonferenzen – einfach köstlich! A Conference Call in Real Life

https://www.youtube.com/watch?reload=9&v=DYu_bGbZiiQ

Über sich selbst schmunzeln zu können ist auch eine wunderbare Lernquelle – egal was die Besonderheit unserer Zeit gerade ausmacht.

Wie können wir alle auf uns achten? Wann sollten wir Rat und Hilfe suchen? Wenn wir feststellen, dass uns diese Situation überfordert oder schon weit vorher?

Grundsätzlich ist wichtig, auch mental gut auf sich zu achten. Die aktuelle Berichterstattung macht es einem nicht unbedingt leicht. Wenn Angst ein Thema sein sollte, ist es erst einmal wichtig, dieses für sich als ganz normale Reaktion wahr- und anzunehmen. Oft ist es auch nicht die Angst an sich, die das Problem darstellt, sondern der persönliche Umgang damit. So kann die Angst vor einer ansteckenden Krankheit unter anderem zur Knappheit von z.B. Toilettenpapier führen – ein gutes Beispiel dafür, wie ein Lösungsversuch zum Problem werden kann. Hierzu ein Buchtipp: Paul Watzlawick: „Vom Schlechten des Guten oder Hekates Lösungen“. Hierbei kann der Austausch mit anderen hilfreich sein und der bewusste Konsum von Medien und Berichterstattung zu einer Medien-Diät führen.
Das oberste Prinzip ist Selbstfürsorge. Beantworten Sie sich offen und ehrlich die Frage, wie es Ihnen geht und was Sie brauchen und teilen dieses dann mit Ihrer beruflichen/sozialen Umgebung. Besonders in Zeiten, in den man sich nicht täglich persönlich sieht ist es wichtig, sich klar mitzuteilen und im Austausch zu bleiben. Darüber hinaus können auch Rückmeldungen aus dem familiären Umfeld wichtige Hinweise sein. Und natürlich ist es besser, zeitnah Hilfe aufzusuchen.

Welche Chancen hat die aktuelle Situation für uns alle? Privat, als Arbeitnehmer, für die DFB?

Krisensituationen, wie die momentane, sind Übergangssituationen. Die große Chance besteht darin,
• neue Erfahrungen zu machen, Neues auszuprobieren
• sich aus dem Bekannten und seiner Komfortzone heraus zu bewegen und zu merken, dass man auch das übersteht
• sich überraschen zu lassen und Neues an sich und anderen, auch am eigenen Unternehmen kennen und wertschätzen zu lernen
Meine frühere und sehr wertgeschätzte Tai-Chi Lehrerin, Christel Proksch, zeichnete dieses Zeichen für Krise in Mandarin, ein schönes Sinnbild für beide Seiten einer Medaille – Krise ist Gefahr und Möglichkeit.

Niemand hat um diese Situation gebeten und unser Einfluss auf den weiteren Verlauf lässt sich nur auf kollektiver Ebene erahnen. Gleichwohl liegt vielleicht genau hierin mehr als nur eine wertvolle Erfahrung begründet, die sich zukünftig gut nutzen lässt. Das wäre uns allen und der DFB in Gänze zu wünschen.

Frau Vittinghoff, herzlichen Dank für das Gespräch, die wertvollen Tipps und Ihre Empathie!

Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Factoring Bank GmbH & Co.KG

1 Response

  1. Wenn ich schon als Lieferantin humorvoller Links in diesem Interview erwähnt wurde, möchte ich die Gelegenheit nutzen, ein paar Aspekte noch einmal hervorzuheben. Als langjährige Kollegin und Freundin von Katja Vittinghoff fühle ich mich schon fast dazu berufen.
    In unserer gemeinsamen Ausbildung in Sachen Change Management und den vielen erfolgreichen Projekten, die wir seitdem gemeinsam durchgeführt haben, spielen drei Begriffe eine zentrale Rolle: Muster, Stabilität, Instabilität. Nun hat uns ein winziges Etwas (Virus) global das alte Muster zerstört und die Zukunft ist in ihrer Komplexität nicht vorhersehbar. Wir erleben also einen „Change“ wie aus dem Lehrbuch. In dieser Instabilität scheint „Segeln auf Sicht“ die angemessene Devise zu sein; nicht nur für uns als Individuen, sondern politisch, ökonomisch und global. Da es in der Natur des Menschen liegt, Instabilität als eher unangenehm zu empfinden („das alte Muster gilt nicht mehr, das neue ist noch nicht erkennbar“), brauchen wir besondere Fähigkeiten im Umgang mit dieser Situation. Einige praktische Hinweise gibt Frau Vittinghoff bereits in ihrem Interview. Für alle, die gerne mit Modellen und Handreichungen arbeiten, empfehle ich das Resilienz-Modell (https://katterbach.com/2020/03/18/ein-virus-legt-die-welt-lahm/). Es gibt einen Überblick darüber, wie wir selbst mit Instabilität (besser) umgehen können. Welche Möglichkeiten und Chancen gesellschaftlich aus dieser instabilen Phase entstehen können, ist sehr gut hier nachzulesen: https://katterbach.com/2020/03/19/matthias-horx-die-welt-nach-corona/.
    Denn wenn wir auch an der augenblicklichen Situation nichts verändern können, so können wir unseren Umgang damit selbst, frei und solidarisch gestalten. Packen wir´s an!

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